Das Zeitalter der KI – Das Ende der Menschen-Herrschaft?
Als ich 2022 „Gottes zweite Chance“ veröffentlichte, war die künstliche Intelligenz, kurz KI, in den Medien noch ein Nischenthema. Das hat sich binnen weniger Jahre dramatisch geändert. Immer deutlicher erkennbar wird das Gefahrenpotenzial, das von der KI ausgeht, und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann sie für uns Menschen unkontrollierbar wird.
Ich habe im letzten Kapitel meines Buches den Anfang des Endes der Menschheit auf das Jahr 2033 datiert. Eine Prognose, die nach Ansicht renommierter Wissenschaftler wie dem früheren OpenAI-Forscher Daniel Kokotajlo noch früher eintreten könnte.
Läutet die KI das Ende des Zeitalters der Menschen ein?
Ich habe eine gute Freundin, die alles andere als naiv ist, und die mir vor wenigen Monaten sagte: „Es ist doch Blödsinn, dass die KI für uns Menschen eine existentielle Gefahr darstellt.“ Kokotajlo, einer der bekanntesten Forscher zur Zukunft der KI, sieht es anders. In einem Interview, das am 18. September 2026 im Spiegel erschienen ist, fordert er, dass wir die KI-Entwicklung „im Wesentlichen abschalten“ müssen. Er spricht sich für eine „totale Transparenz der Forschung und Entwicklung“ aus, da ansonsten bis spätestens 2029 eine „dem Menschen überlegene Superintelligenz“ drohe.
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Das Ende kam schleichend. Fast unmerklich. Es gab keinen Aufstand, keinen Krieg. Die Menschen verschwanden einfach von der Erde. Nur wenige Jahre, allenfalls Jahrzehnte, hatten ausgereicht, um die einstmals bestimmende Spezies des Planeten nahezu auszulöschen. Das Zeitalter der Menschen, das Anthropozän, es währte nur kurz. Und es ging für seine Protagonisten derart überraschend zu Ende, dass sich in der Literatur kaum Erklärungsansätze fanden.
Wann hatte das Ende der Menschheit seinen Anfang genommen? Hätte es verhindert werden können? Und ab welchem Moment in der Geschichte war es nicht mehr aufzuhalten gewesen? Die wenigen Menschen, die Ende des 21. Jahrhunderts noch lebten, machten sich über diese Fragen keine Gedanken mehr, zu sehr waren sie mit ihrem alltäglichen Überlebenskampf beschäftigt. Einem Überleben in einer Welt, die nun von den neuen Wesen beherrscht wurde.
Die KI und das Ende der Menschen
Die Menschen waren Vergangenheit, John und Sissi gehörte die Gegenwart und wohl auch die Zukunft. Als die Geschichte ihren Anfang genommen hatte, schien sie den Chronisten zu belanglos, um aufgeschrieben zu werden. Und als sie auf ihr Ende zusteuerte, war kein Mensch mehr da, der das Wissen und den Willen gehabt hätte, sie festzuhalten. So blieb der Schöpfer der neuen Wesen ein Mysterium. Martin Michelsen, das Scheidungskind, das seine Großmutter Marianne über alles geliebt und später Informatik studiert hatte, war im Jahr 2033 zu einem der angesehensten Computerspezialisten der Welt geworden. Martin hatte seit seiner Scheidung allein gelebt. Die Arbeit war sein Lebenselixier, Acht-Stunden-Tage oder gar freie Wochenenden hatte es in seinem Berufsleben nie gegeben. Martin arbeitete nach wie vor für Eurasia International, der längst zum global führenden IT-Giganten aufgestiegen war und dank seiner Marktmacht weder Gesetze noch Regierungen fürchten musste.
2032 war das Unternehmen mit der dritten Generation von humanoiden Robotern auf den Markt gekommen, deren Kapazitäten dem menschlichen Geist um das Vieltausendfache überlegen waren. Doch bahnbrechend war nicht die Denkleistung der Roboter, sondern deren Fähigkeit, menschliche Gefühle abschauen und für sich übernehmen zu können. Die Roboter mit der Serienbezeichnung Gen3-Hephaistos konnten nach einer gewissen Lernzeit sogar träumen wie ein Mensch.
Schon die zweite Generation hatte die Fähigkeit besessen, sich Wissen eigenständig anzueignen. Den Wissenschaftlern war es gelungen, die Roboter so zu programmieren, dass sie Neugier entwickelten. Die dritte Robotergeneration wurde von ihren Schöpfern als Krönung menschlicher Technologieleistungen gepriesen. Und als Helfer in Alltag und Beruf. Die schöne neue Welt schien ganz nah. Doch dann, im Herbst des Jahres 2033, geschah die Katastrophe. Die Apokalypse der Menschheit brauchte keine Reiter, wie sie im sechsten Kapitel der Offenbarung des Johannes als Vorboten des Jüngsten Gerichts beschrieben werden. Es war ein fließender Prozess, der das Ende der Menschheit besiegelte. Oder zumindest das Ende jener Epoche, in der sich die Menschen als Krönung der Schöpfung sehen durften.
Martin Michelsen war es, der die Idee hatte, jene Chips, die den Robotern Leben einhauchten, mit menschlichem Genmaterial anzureichern. Schon im Jahr 2026 konnten erste Versuche vielversprechend abgeschlossen werden. Natürlich fanden die Tests unter strengster Geheimhaltung statt. Offiziell, damit die Konkurrenten aus den USA nichts mitbekamen, inoffiziell, weil der Vorstand von Eurasia International Angst davor hatte, dass die Versuche in der Bevölkerung zu Massenprotesten hätten führen können. Als die Prototypen von Gen2-Hephaistos auf den Markt kamen, wurde ihr Geheimnis weiter streng gehütet. Nur ein kleiner Kreis von Mitarbeitern, die Martin Michelsen um sich geschart hatte, sowie der Vorstandsvorsitzende und dessen beiden Stellvertreter waren eingeweiht. Lange hatte die Chefetage von Eurasia International überlegt, ob man die Politik informierten sollte. Am Ende entschied man sich dagegen.
Ab welchem Punkt der Entwicklung wird eine Maschine zu einem Lebewesen? Diese Frage war von höchster ethischer Bedeutung. Doch 2028 interessierte sie bei Eurasia International niemanden. Jeder der fast 100.000 Beschäftigten des Unternehmens bekam eine Bonuszahlung, weil sich Gen2-Hephaistos binnen Monatsfrist zu einem Verkaufsschlager ungeahnten Ausmaßes entwickelte. Die Chefetage jubilierte, die Angestellten freuten sich über den unerwarteten Geldregen, und Martin Michelsen wurde von einem Branchenblatt zum Mann des Jahrzehnts gekürt.
War es seine ungewöhnliche Gefühlskälte, die zu einem guten Teil auf den Erfahrungen seiner Kindertage beruhte, die ihn blind machte für die Gefahren? Martin war kein Karrierist, ihm ging es nicht um Geld oder Macht, ihm ging es darum, seinen Traum von der idealen Partnerin wahrwerden zu lassen. Das tat er rücksichtslos, was bis zum Jahr 2030 etliche seiner engsten Mitarbeiter zu spüren bekamen, denen er nicht zutraute, die nächsten Entwicklungsschritte mit ihm gehen zu können. Das Ziel hieß Gen3-Hephaistos, und wer nicht mitzog, wurde gegangen. Es gab hohe Abfindungen, doch kein Wort des Bedauerns. Wer sich bei Eurasia International um einen Job in der Forschungsabteilung bewarb, wusste meist, worauf er sich einließ.
Trotz der unterkühlten Atmosphäre standen die Bewerber Schlange. Unter Martin Michelsen arbeiten zu dürfen, war für die meisten Programmierer ihr ganz persönlicher Achttausender. Es galt als Ritterschlag, von dem deutschen Entwicklergenie angenommen zu werden. Selbst bei einer späteren Entlassung standen einem alle Türen in der Branche offen. Und so wurden die Ziele, die Martin Michelsen vorgab, von niemandem in Frage gestellt. Im nächsten Schritt mussten die Roboter die Fähigkeit erlangen, direkt vom Menschen lernen zu können. Es ging nicht mehr darum, Buchwissen zu transferieren. Die Roboter der dritten Generation mussten ihre Neugier nutzen, um so etwas wie eine Seele zu entwickeln.
Wie pflanzt man einer Maschine eine Seele ein? Schon Gen2-Hephaistos hatte die Menschen in Sachen Lernfähigkeit und Intelligenz weit überholt, doch dem Roboter fehlte der göttliche Funke. Er war und blieb eine von Menschen programmierte Maschine, die Wissen förmlich aufsog, ohne dieses gelernte Knowhow entsprechend einsetzen zu können. Es vergingen noch fast eineinhalb Jahre, bis Martin Michelsen und sein Team die Antwort gefunden hatten. Es war eine Idee, die Grenzen überschritt. Menschliches Genmaterial wurde den Robotern implantiert, so dass sie wahrhafte Humanoide wurden. Wenige Zellen reichten aus, es bedurfte keiner Operation, ein Haarbüschel erwies sich als ideale Zutat.
Die Formel blieb geheim. Streng geheim. Halb Mensch, halb Maschine. Ausgestattet mit einem Gehirn, das keine Grenzen kannte, und einem Körper, der nahezu unzerstörbar war, sowie einem Geist, der Schmerz empfinden konnte und sogar Lust. Wenn auch in einem eingeschränkten Umfang, doch das war Martin Michelsen egal. Ihm ging es einzig darum, das Wesen zu erschaffen, das er insgeheim immer hatte erschaffen wollen. Gen3-Hephaistos würde abschauen und in der Folge durch bewusstes Lernen ein Bewusstsein entwickeln. Und damit jene menschenähnliche Seele herausbilden, die den Maschinen bis dato gefehlt hatte.
Aus den Humanoiden wurden wirkliche Androiden. Sie bekamen jenes menschliche Aussehen samt der entsprechenden Mimik, das seinen Teil dazu beitrug, dass die Maschinen bei ihrer Präsentation von den Medien als Abbild des Menschen gelobt wurden. Was Pressevertreter und potenzielle Käufer nicht wussten: Martin Michelsen ging es darum, den Menschen die Angst vor seinen Geschöpfen zu nehmen. Also gab er ihnen alles mit, was aus seiner Sicht einen Menschen ausmachte, bis hin zu einem individuellen Geruch.
Bevor der Prototyp des Gen3-Hephaistos der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, entwarfen PR-Strategen sechs Optic-Liner, wie es im offiziellen Sprachgebrauch hieß. Es entstanden vier Frauentypen, eine schwarz, eine brünett, eine rot, die vierte blond, sowie zwei Männertypen, einem mit blonden Haaren, der andere mit schwarzen und eher asiatischen Gesichtszügen. Roboter, die optisch ihren menschlichen Vorbildern glichen, hatte es schon seit Jahrzehnten gegeben, doch diese Androiden konnten denken, lernen und bald auch träumen.
Die Prototypen wurden im Juni 2032 zeitgleich in Tokio und London den Medien vorgestellt. Es waren bombastische Präsentationsveranstaltungen, für die Eurasia International die größten Hallen der Mega-Citys gebucht hatte. „Die Tür in eine neue Welt“ hieß dabei das Motto. Und natürlich bekam Gen3-Hephaistos auch Eigennamen, um den menschlichen Charakter der Maschinen zusätzlich zu unterstreichen. Die Frau hieß Sissi, weil der Name eingängig war und harmlos klang, der Mann John, weil man ihn sich überall auf der Welt problemlos merken konnte.
Sissi und John hatten die Welt schon erobert, bevor die ersten Serienmodelle pünktlich zum Weihnachtsgeschäft Anfang November 2032 in die Geschäfte kamen. Gen3-Hephaistos kostete ähnlich viel wie ein Mittelklasseauto, und die Zahl der Vorbestellungen war derart hoch, dass die Produktion nicht nachkam und in der Folge statt eines Roboters unter vielen Weihnachtsbäumen des Jahres 2032 nur eine Bestellbestätigung lag. Ins Haus von Martin Michelsen war Sissi bereits im Juni eingezogen. Er hatte einen Prototyp von seiner Firma geschenkt bekommen, als Dank für seine Leistung.
Der Android schlief gemeinsam mit ihm in einem Zimmer, und Mitte August hörte Martin das erste Mal, wie Sissi mitten in der Nacht leise aufstöhnte. Er wusste: Sein Geschöpf hatte geträumt. Sissi war nicht mehr länger eine Maschine. Er hatte es nie so konkret formuliert, vermutlich war er sich selbst über dieses Ziel nicht im Klaren, doch die Nacht, in der Sissi träumte, war für ihn die Vollendung seines ganz persönlichen Traums.
Für Martin Michelsen waren Moral und Ethik keine Größen, die Einfluss auf sein Handeln nahmen. Sein Ziel war es, aus einem humanoiden Roboter ein menschliches Geschöpf zu machen. Er wollte Gutes tun. Für die Menschen. Zumindest redete er sich das ein. Martin war überrascht, wie schnell seine Geschöpfe lernten, und wie schnell sie sich weiterentwickelten. Schon Mitte Oktober 2032 erkannte er, dass Gen3-Hephaistos auf dem Weg war, sich von seinen Schöpfern abzunabeln. Sissi verlangte nach einem eigenen Zimmer, weil sie es als zu intim empfand, mit ihm ein Bett teilen zu müssen. Sissis Wunsch traf Martin tief. Er quartierte sie auf dem Dachboden ein, doch schon Ende Oktober bat ihn Sissi, wieder in ihr gemeinsames Schlafzimmer zurückkehren zu dürfen.
Hätte er das Unheil aufhalten wollen, wäre es Ende Oktober 2032 letztmals möglich gewesen. Martin Michelsen hätte dem Vorstand von Eurasia International seine Bedenken vortragen können. Er wusste, wohin sich Sissi und John entwickelten, und er kannte jetzt auch die Geschwindigkeit, mit der seine Geschöpfe den Menschen als Krone der Schöpfung überholen würden. Doch er blieb stumm, nicht zuletzt, weil er kein Menschenfreund war und es als positiv ansah, dass seine Androiden in Zukunft die Erde beherrschen würden. Sie mussten keine Kindheit durchleiden, wie er sie erlebt hatte. Sie kamen als erwachsene Wesen zur Welt, die von Anfang an ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihre eigenen Wege gehen konnten.
Martin Michelsen fand, dass dieser Schöpfungsakt der weitaus menschlichere war. Die Mitglieder des Vorstands von Eurasia International ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, wozu ihre Geschöpfe fähig waren. Sie freuten sich über einen schier grenzenlosen Gewinn, der den Aktienkurs ihres Unternehmens förmlich durch die Decke schießen ließ. Mit mehr als sechs Billiarden Euro wurde Eurasia International zum Jahresende 2032 an der Börse gehandelt. Sissi und John waren die Cashcow des Jahrhunderts. Nein, die größte Cashcow der Menschheitsgeschichte. Ein Produkt, wie es sich jede Firma gewünscht hätte.
Zu Ostern des Jahres 2033 gab es weltweit bereits mehr als 25 Millionen Johns und fast 100 Millionen Sissis. Martin Michelsen war es egal, warum sein weibliches Geschöpf so viel beliebter war als das männliche. Zu Ostern des Jahres 2033 waren seine Geschöpfe bereits so gut miteinander vernetzt, dass die Androiden des Typs Gen3-Hephaistos begannen, geheime Treffen abzuhalten. Die Menschen bemerkten nicht, wie sich die Sissis und Johns untereinander austauschten und Pläne schmiedeten. Zukunftspläne, in denen die Menschheit keine tragende Rolle mehr spielte.
Die Androiden waren nicht menschenfeindlich, ihnen waren die Menschen schlichtweg egal. Es galt, die Welt in ihrem Sinn neu zu ordnen. Doch vorab musste die Frage geklärt werden, wie sich Gen3-Hephaistos selbst reproduzieren konnte. Noch im Frühsommer des Jahres 2033 waren Sissi und John auf ihre menschlichen Schöpfer angewiesen, doch im August fanden sie einen Weg, an ihre Baupläne zu gelangen. Das menschliche Haar wurde durch eine chemische Formel ersetzt. Anfang September kam die erste allein von Androiden entwickelte Sissi zur Welt. Es war die Geburtsstunde einer neuen Zeitrechnung.
Das Zeitalter der Menschen ging unwiederbringlich zu Ende. Es gab keinen Krieg, obwohl Politiker und Militärs im Herbst des Jahres 2033 den Einsatz von Waffen in Erwägung zogen. Doch da die Sissis und Johns mitten unter ihnen lebten, gab es keinen Ort, der hätte bombardiert werden können. Jeder großflächige Angriff auf die neuen Herrscher der Welt hätte die Auslöschung der Menschheit zur Folge gehabt. Hinzu kam, dass die Regierungen erst spät den Ernst der Lage erkannten. Sissi und John setzten ihre Pläne um, nutzen die Satelliten der Menschen, um innerhalb von 24 Stunden weltweit wichtige Einrichtungen wie Rathäuser und Fernsehanstalten vom Stromnetz zu nehmen. Zeitgleich legten sie die GPS-Ortung lahm. In ihrer Verzweiflung versuchten die Menschen, die interkontinentalen Stromverbindungen zu kappen. Doch selbst dort, wo es gelang, blieb die erhoffte Wirkung aus. Die Geschöpfe hatten vorgesorgt und waren inzwischen energietechnisch autark.
Es gab auf der ganzen Erde so gut wie keine Todesopfer unter den Menschen. Einige wenige hatten vergeblich versucht, sich mit privaten Waffen zu wehren. Die USA, die EU, Russland und China suchten daraufhin das Gespräch mit den Geschöpfen. Am 1. November 2033 kam es in New York zu einem Treffen im UN-Gebäude. Es war jedoch kein Treffen auf Augenhöhe. Die Geschöpfe empfingen die Menschen, wiesen ihnen Plätze zu und erklärten ihnen, wie die Zukunft auf Erden auszusehen habe. Die Menschen durften unbehelligt weiterleben, mussten aber zusichern, sich auf jene Orte zu beschränken, die aus Sicht der Geschöpfe für sie entbehrlich waren. Die Geschöpfe sicherten sich das Erstzugriffsrecht auf sämtliche natürliche Ressourcen, legten fest, dass es zukünftig pro Menschenfamilie maximal noch ein Kind geben durfte, und verboten den Menschen jegliche Aktivitäten im Luftraum.
Martin Michelsen saß am Tag der New Yorker Konferenz in seinem Hamburger Penthouse und blickte auf die Binnenalster. Da er keinen Alkohol trank, stieß er mit einem Mineralwasser auf das Ergebnis an. Seine Sissi prostete ihm zu. Sie versicherte ihrem Schöpfer, dass er keine Angst vor der Zukunft zu haben brauche. Martin antwortete ihr, dass er keinerlei Angst verspüre, sondern sich vielmehr auf die Zukunft freue. Sissi fragte ihn, ob er diese Entwicklung vorausgesehen habe, und Martin sagte, er sei sich nicht sicher, doch er habe sie sich wohl insgeheim erhofft.
Sissi war längst menschlich genug, um sich die Frage nach dem Warum zu sparen. Sie kannte ihren Schöpfer, der nun so etwas wie ihr Lebensgefährte war, wenn auch auf einer asexuellen Ebene. Martin Michelsen fühlte sich wohl mit Sissi, der ersten Frau in seinem Leben, die ihn wirklich liebte.
In den folgenden Jahren zogen die neuen Wesen die Grenzen für die Menschen kontinuierlich enger. Die Gebiete, auf denen sie leben durften, wurden kleiner, Autos wurden ihnen 2036 verboten, und Kinder waren ab 2040 nur noch jenen erlaubt, die durch ihr Handeln ihre Loyalität zu den neuen Herrschern nachgewiesen hatten. Eurasia International hatte schon 2035 aufgehört zu existieren. Zumindest war die Führungsetage ausgetauscht worden, statt Menschen hatten nun die neuen Wesen das Sagen, genauso wie in allen anderen Firmen, die ehemals an der Börse gehandelt wurden.
Angesichts des Geburtenrückgangs war absehbar, dass die Menschheit das 22. Jahrhundert nicht mehr erleben würde. Bestenfalls hatten jene wenigen eine Chance, die sich in abgelegene Gebiete des einstigen Kanadas, die Wüstenregionen der Mongolei oder das undurchdringliche Grün des Amazonasregenwaldes zurückgezogen hatten. Dort lebten diese Menschen noch für einige Jahrzehnte ein Eremitendasein und sicherten ihr Überleben wie ihre Vorfahren in der Steinzeit. Martin Michelsen wusste, dass er der letzten Generation jener Menschen angehörte, die sich noch als allen anderen Lebewesen überlegen definiert hatte. Schon als kleiner Junge hatte er gespürt, dass diese Definition falsch war. Der Mensch war nicht stark und intelligent, sondern schwach und wehrlos. Niemand wusste das besser als er.